Gerd Bennewirtz: Führt der Minsky-Effekt bald zum Crash in China?

Der chinesische Notenbank-Chef Zhou Xiaochuan hat kürzlich selbst vor einem „Minsky-Effekt“ in seinem Lande gewarnt. Angesichts der Ergebnisse des jüngsten Stresstests des Internationalen Währungsfonds (IWF), bei dem 27 von 33 Geldinstituten als nicht ausreichend stressresistent eingestuft wurden, muss diese Warnung absolut ernst genommen werden. Doch worum handelt es sich bei diesem „Minsky-Effekt“ eigentlich? Der Ökonom Hyman P. Minsky (1919 bis 1996) hat Crash-Abläufe wie beim Platzen der Dotcom-Blase oder während der Finanzkrise äußerst präzise beschrieben. Nachdem die USA den Höhepunkt der Finanzkrise im Jahre 2008 erlebten, geht nun in China 2018 die Angst um, dass sich bei den eigenen Banken ein ähnlicher Abgrund wie in den Vereinigten Staaten auftuen könnte.

Minskys Krisentheorie geht davon aus, dass im Verlauf einer länger andauernden wirtschaftlichen Prosperitätsphase die Erinnerung an “schlechte Zeiten” verblasst und damit allmählich die Risikoaversion sinkt. Hohe Gewinne wecken die Gier nach noch höheren, und einige Marktteilnehmer beginnen, auf Kredit zu spekulieren. Weil die Banken zum einen unter Konkurrenzdruck stehen, zum anderen selbst das Gefühl für Risiken verlieren, gewähren sie auch Kredite für immer risikoreichere Geschäfte und Finanzierungen. Minsky sieht eine kritische Gruppe von Kreditnehmern im Vorfeld der Krise weiter anwachsen, nämlich diejenigen Markteilnehmer, die eigentlich zu arm sind, um Zinsen und Tilgungen für ihre Darlehen zu bezahlen. Durch ein eigentlich harmloses Ereignis – den sogenannten „Minsky-Moment“ – kommt es dann zum Platzen der Blase.

Die Kreditgeber werden plötzlich vorsichtig bei der Vergabe weiterer Kredite, so dass es zur Zahlungsunfähigkeit der genannten Schuldner kommt. Im weiteren Verlauf zieht deren Zahlungsunfähigkeit auch die Insolvenz besserer Kreditgeber nach sich. Jetzt setzt der eigentliche Minsky-Effekt ein und führt zum Crash: Über den Kollaps des Finanzsektors gerät die Wirtschaft in einen Abwärtsstrudel, die Börsen brechen auf breiter Front ein. Steht China vor genau einem solchen Szenario? Angesichts der dünnen Kapiteldecke vieler chinesischer Geldinstitute und den höchst bedenklichen Ergebnissen des Banken-Stresstests des IWF ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen. Doch die Prognose, woher genau die Auslöser für den nächsten großen Crash am Aktienmarkt kommen werden, dürfte selbst die besten Analysten überfordern.